6. September 2016

Sabine Elsa Müller

Hoch über der Brenz thront Schloss Hellenstein, eine trutzige Anlage, mehr Festung als Schloss, weithin sichtbares Sinnbild die Zeiten überdauernder Standfestigkeit über Jahrhunderte hinweg. Hoch über der Brenz ragen sechs monumentale Edelstahlplatten aus der grasbewachsenen Hangschulter, einen Steinwurf vom Schloss entfernt.

Rita Rohlfing hat den Platz gut gewählt. Der Blick auf die Skulptur vom Schloss aus ist frei und unbeeinträchtigt, so dass beim Näherkommen einiges zu beobachten ist. – Wie sich im unebenen Gelände die Anzahl der Einzelelemente stets ändert. Ein weiteres im Gesichtsfeld auftaucht, ein anderes wieder verschwindet. Mal sind es vier, mal fünf, dann wieder sechs Takte, die sich zu einem Klang aus Farbe, Form und Rhythmus zusammenfinden, in stetem Wechsel. – Wie der erste Eindruck von Transparenz und Leichtigkeit in einem merkwürdigen Gegensatz zur schieren Größe der Platten steht, die manch einem in der unmittelbaren Konfrontation einen leichten Schrecken einzujagen vermögen: So mächtig hat man sie sich nun doch nicht vorgestellt. Später wird man erfahren, dass jede einzelne zwei bis zweieinhalb Tonnen wiegt. Soll man sich da tatsächlich dazwischen wagen?

Die eingeübten Erfahrungen greifen desto weniger, je mehr man sich der Sache nähert. Die Vermutung, dass die Unschärfen alsbald verschwinden, die Konturen deutlicher und die räumlichen Verhältnisse klarer werden, bestätigt sich nicht. Die Formation der sechs mächtigen Edelstahlplatten scheint sich im Spiel der pulsierenden Farbfelder regelrecht aufzulösen, zurückzuziehen, sich in etwas unfassbar Ephemeres zu verwandeln. Gespiegelte Farbrechtecke schrumpfen zusammen, je mehr man auf sie zugeht, zeigen zarte Verläufe und machen völlig anderen, unerwarteten Reflexionen der Umgebung, der Wiese, des Himmels und der sich nähernden Personen Platz.

Dabei ist es auf dem Papier doch eine klare Sache. Sechs Edelstahlplatten mit einer Materialstärke von jeweils 18 mm werden parallel, jedoch nicht in einem regelmäßigen Raster, sondern leicht versetzt, wechselweise in spitzen und stumpfen Winkeln zueinander senkrecht aufgestellt. Mit einer lichten Höhe von 250 cm variieren sie in ihrer Breite zwischen 437,5 cm und 562,5 cm. Ihre beiden Flächen sind unterschiedlich behandelt. Und das ist der Punkt: Während die Vorderseiten mit hochglänzendem Autolack farbig lackiert sind, bleiben die Rückseiten in fast rohem Zustand. Allerdings nicht ganz. Diese Flächen – es handelt sich dabei um diejenigen, die sich vom Schloss aus zur Ansicht darbieten – wurden elektropoliert, d.h. ihre matt schimmernde Edelstahloberfläche verzichtet auf eine Eigenfarbe und wird statt dessen zur Reflexionsfläche. Einer Fläche, die nichts zeigt, was nicht schon vor Ort da ist. Aber auf eine eigene, zur geistigen Reflexion über Wahrnehmung animierenden Weise.

Als erstes, so könnte man meinen, werfen sich die leuchtenden Lackfarben der Tafelrückseiten in diese Spiegel. Von einem hellen Rot über Violett bis zu einem dunklen Bordeaux reicht die Skala der Farbtöne, die alle aus dem reichen Angebot der Industriefarben ausgewählt wurden. Das Farbspektrum bildet einen entschiedenen Kontrast zum komplementären Grün der Landschaft. Kunst gegen Natur? Aber da hat sich das Grün der Wiese schon in die Spiegellandschaft der Edelstahlflächen eingemischt. Dazu ein Königsblau wie aus dem Schulmalkasten. Rot, Grün, Blau – bei klarem Himmel sind die Farben spektakulär, die sich in diese Flächen einbrennen. Sehr intensiv, aber unstet, mit unscharfer Kontur, je nach Standort des Betrachters ihre Formen wechselnd. Anziehend und doch so ungreifbar. Die Oberflächenbehandlung der Stahlplatten bewirkt diesen unscharfen, transparenten und gleichzeitig distanzierten Eindruck, der mit einem tiefenräumlichen Illusionismus einhergeht. Man möchte in dieses Farbspiel eintauchen und kommt doch nicht weiter als bis zur widergespiegelten eigenen Hand.

Denn das eigene Gegenüber ist natürlich immer auch da. Es ist kaum möglich, die gespiegelte Wirklichkeit zu erfassen, ohne sich selbst dabei zu begegnen. Während Kunst im öffentlichen Raum häufig beziehungslos und isoliert von ihrer Umgebung zu sein scheint, lebt „reflection“ geradezu von der Begegnung. Es stellt das, was da ist, die örtlichen Verhältnisse zur Disposition und zeigt uns selbst als Teil davon. Wir erleben uns in Beziehung zum Außen anstatt als isolierte Individuen mit starrem Blick auf das Handy. Und wir erleben diese Beziehung als etwas, das in starkem Maße von uns selbst abhängt, von unserer eigenen Bewegung. Während wir die Platten umrunden, uns den Flächen nähern und wieder davon entfernen, verändern wir ständig unseren Betrachterstandpunkt und Betrachtungswinkel und sehen immer wieder etwas Neues. Die eigene Perspektive erschafft die Welt, wie wir sie sehen!

„reflection“ transportiert ein typisches Moment unserer Zeit: Die Erfahrung eines latenten Schwebezustands, der keine verlässlichen Fixpunkte mehr bereit hält. Und findet in der gegenseitigen Durchdringung von Skulptur und Malerei, Kunst und Natur zu einem berührenden Ausdruck von Schönheit und Lebendigkeit. Der Gegensatz zu einem gleichsam in Stein gemeißelten Hoheitsanspruch über Mensch und Natur, wie er im benachbarten Schloss Hellenstein zum Ausdruck kommt, könnte größer kaum sein.

In einem spektakulären Augenblick, als die Sonne aus den Wolken bricht und die Farben auf den Tafeln hinterrücks mit einem Mal aufglühen lässt, brennt sich ein unauslöschlicher Eindruck auf der Netzhaut ein. Eine kurze Wahrnehmung eines unendlichen Raumes, der hinter all den wechselnden Erscheinungen nicht verloren ist.

Rita Rohlfing – reflection, in: Werk 13. Bildhauersymposium Heidenheim, Heidenheim 2013, S./pp. 47–50

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