14. April 2016

Gabriele Uelsberg

„Wenn alles gut geht, machen wir aus dem Universum, das ja unvorstellbar sein soll und gekrümmt, ganz einfach eine Leinwand. Eine mit Ecken und Farbe darauf. Und wir schauen sie an und sagen: ‘Ja’“1

Der alleinige Wunsch, die Unbegreiflichkeit von Raum und Universum in das planemetrische System eines Leinwandbildes zu setzen, ist für die Künstlerin Rita Rohlfing schon lange nicht mehr ausreichend. Nachdem sie die Wertigkeiten des klassischen Tafelbildes in ihren Bildern bis an die Grenzen geführt hat, indem sie ihre Gemälde durch Brechungen, Verwinkelungen und das sukzessive Aufwölben der ebenen Leinwände in den plastischen Raum hinein erweitert hat, waren die Möglichkeiten des Leinwandbildes gewissermaßen bewusst ausgereizt. Daher erscheint es zwangsläufig, dass sich in ihren jüngsten Arbeiten immer stärker die Tendenz festmachen lässt, die Bedingungen der Leinwand und des Tafelbildes nachhaltig zu verlassen und die Malerei direkt in den Raum zu setzen.

Eine der jüngsten Arbeiten dieses Kontextes ist das unregelmäßige Edelstahlhexagon ohne Titel aus dem Jahr 1998, das mit seinen spiegelnden Oberflächen und seinen unterschiedlichen Raumwinkeln direkt Bezug zu dem ihn umgebenden Raum nimmt. Die Arbeit ist ohne Sockelzone direkt auf den Boden platziert. Die äußeren Maße von 90 x 120 , 120 x 78, und 92 x 33 cm weisen schon darauf hin, dass dieser Körper in kein systematisches Schema passt, das uns aus gängigen Raumkörpererfahrungen vertraut ist. Das Edelstahlobjekt nimmt mit den Schrägungen und Abwinklungen eine Form von Raumkörper auf, die sich vor allen Dingen in der Wahrnehmung vollzieht, bei der durch perspektivische Verzerrungen der Raum immer als etwas anderes wahrgenommen wird, das sich nicht leicht berechnen und messen lässt wie zum Beispiel ein vertrautes mathematisches Volumen. Dennoch ist die Arbeit durchgestaltet, konstruktiv und von überschaubarer Größe und vermittelt uns in der Dimensionierung das Volumen eines guten Kubikmeters mit dem ein Gefühl von Überschaubarkeit und Vertrautheit einhergeht. Der Quader ist nicht an allen Seiten vollständig geschlossen. Wie durch ein Versehen springt eine Seitenkante minimal auf und gibt den Blick frei in das Innere des Körpers und enthüllt uns damit gleichzeitig, dass dieser Körper aus einer etwa einen halben Zentimeter dicken Edelstahlplatte gefertigt ist. Das Aufspringen dieses Kubus, das zum einen die Raumartigkeit betont und den Körper damit wieder „aufklappbar“ erscheinen lässt, suggeriert weniger ein Massevolumen denn eine Raumfaltung.

Die glatte Oberfläche des Edelstahlkörpers spiegelt die Farbigkeit und Lebendigkeit des umgebenden Raumes, ohne jedoch wie ein Spiegel zu wirken. Die Spiegelung ist immer verschwommen und farblich diffus, so dass der Betrachter außerhalb verbleibt und sich nur in Gedanken in den Raum der Skulptur hinein bewegen kann. Jener Schlitz lockt den Umschreitenden gleichsam einzutreten und den inneren Raum zu erfahren, der durch das Verschließen der Skulpturflächen eingeschlossen ist. In indirekter Form werden hier zwei Seiten einer Situation vorgestellt, bei der Rita Rohlfing sowohl der äußeren Beschaffenheit ihrer Skulptur wie auch der inneren gleiche Bedeutung zumisst. Das Geschlossene bricht gleichsam auf, so dass die gedankliche Einheit zwischen Innen und Außen entstehen kann. Rita Rohlfing zwingt den Betrachter, sich diesem Widerspruch zu stellen, denn die Raumfaltung, die in dieser Skulptur intendiert ist, kann nicht aufgelöst werden. Der Künstlerin gelingt es, innere und äußere Oberflächen zu schaffen, die sowohl inhaltlich wie faktisch den Raum neu strukturieren. Rohlfings Edelstahlskulptur ist ein Körper, dessen Funktion unbestimmt ist und der sich so einer Zuordnung entzieht. Sie erreicht dadurch einen Grad an Abstraktion, der gleichzeitig im Widerspruch steht zu der konkreten Form des Körpers, den wir umschreiten, nachmessen und erfahren können.

Bei dieser letzten Arbeit mit Edelstahl verzichtet Rita Rohlfing völlig auf den Einsatz von Farbe. Anders ist dies bei ihrer großen Skulptur „69 Grad“, die in Kombination von Aluminium und mit Rot gestalteter MDF-Platte entstanden ist. Auch diese Skulptur nimmt direkt Bezug zu dem Raum, in dem sie platziert ist. Eine mit Hand geschliffene Aluminiumplatte ist in einem Winkel von 69 Grad gewinkelt und schließt an der einen Seite direkt an eine ebenso hohe Holzplatte an, die sich mit einem nach innen gewölbten Radius gleichsam parallel zu dem Aluminiumwinkel verhält. Während Aluminiumwinkel und geschwungene Holzfläche sich an einer Seite genau treffen und passgenau aneinandergesetzt sind, klaffen sie an der anderen Seite um ca. 15 cm auseinander, was so die Möglichkeit der Innenschau in diese Skulptur eröffnet. Die gebogene MDF-Platte ist völlig homogen in roter Lackfarbe bemalt und zwar so, dass keinerlei künstlerische „Handschrift“ zu erkennen ist, sondern die Künstlerin hat, anders als bei anderen ihrer Arbeiten, bewusst die technische Präzision eingesetzt, um diese rote Fläche so undifferenziert wie möglich erscheinen zu lassen. In vielen Lackschichten aufgetragen ist die gewölbte Fläche völlig eben und glänzend, so dass der Betrachter, tritt er in den konischen Raum der Wölbung ein, gleichsam von diesem Rot eingesogen wird und sich ihm nicht entziehen kann, da sich der Blick an keinem Farbpartikel oder an einer anderen individuellen Setzung festhalten kann.

Diesen immateriellen Farbraum erfährt der Betrachter auch in der jüngsten Arbeit, bei der ein Metallwinkel durch eine Plexiglasscheibe verschlossen ist, die den inneren roten Raum wie zu einem Farbnebel hin auflöst. Der Raum, der sich im Inneren der Skulptur befindet, wird als eingeschlossen erfahren und damit in gewissem Sinne als ein illusioniertes Volumen, dessen Realität wir nie sicher sein können. Besonders der Gegensatz zwischen den beiden Metallflächen der Skulptur, die durch Schleifung Strukturen malerischer Qualität aufweisen, und dem sich als „undurchdringlich“ erweisenden Raum hinter der Scheibe zieht das Augenmerk, das sich darauf richtet, von der Oberfläche weg ins Innere, in die Imagination. Diese stoffliche Mehrdeutigkeit wird durch die neue Wertung der Farbe Rot in diesem Werk von Rita Rohlfing noch betont. Im Inneren sind die Metallplatten rot gefärbt, während ihre Außenflächen im Orginalton gestaltet sind. Das Rot wird aber als Farbmaterial nicht sichtbar, sondern erscheint als „Luftton“ durch die milchige Plexiglasscheibe hindurch. Fast könnte man an Naum Gabo’s Forderung im „Realistischen Manifest“ denken, in dem er schrieb:
“Farbe ist akzidentiell und hat nichts gemein mit dem innersten Wesen der Dinge. Wir versichern, dass der Ton einer Substanz, d.h. ihr Licht absorbierender materieller Körper ihre einzige malerische Realität ist.“
Dies gilt insoweit, als Farbe hier zum Bestandteil von Raum wird und sich nicht länger als Zustand und Bezeichnung eines Körper darstellt. Der Raum gewinnt durch die Skulpturen von Rita Rohlfing eine Qualität von Unstofflichkeit, die vom Innenraum der Körper in den Betrachterraum selbst diffundiert.
1 Ulrike Schröder im Kunstblatt Nr. 19, R.o.T., Siegendorf, Österreich 1997

in: RITA ROHLFING, Ausst.-Kat. Bergisch Gladbach, Städtische Galerie Villa Zanders und Mühlheim an der Ruhr, Kunstmuseum in der Alten Post, Bergisch Gladbach/Mülheim an der Ruhr 1999, S. 5–7

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