14. April 2016

Klaus Flemming – Zu der Installation Farbraum von Rita Rohlfing

Größte Realität erzeugt größte Irrealität.
Max Bill

Ein Kubus im Raum; klar definiert steht er da: Die knapp drei Meter messende Stirnseite bietet sich dem Eintretenden dar, gut vier Meter gilt es in Längsrichtung abzuschreiten, und mit über drei Metern Gesamthöhe erreicht er veritable Realraumdimensionen und nötigt zum bezugnehmenden Hochschauen.

Die konkreten Raumdeterminanten hat der Umschreitende rasch erfasst. Aluminiumprofile bilden die Waagerechten und Senkrechten der Kanten und gliedern zusätzlich die Seitenflächen in Gefache – drei auf den langen und zwei auf den kurzen Seiten. Zugleich tragen sie die Plexiglaswände, welche diesen Kunstraum hermetisch verschließen und aus dem großen Ausstellungsraum ausgrenzen. Und dann sind da noch Farbflächen im Inneren; als großflächige, monochrom erscheinende Rottöne belegen sie Senkrechte und Waagerechte. Die Plexiglasscheiben, vor allem aber die zwischengeschaltete Sandstrahlfolie, verwischen ihre Begrenzungen und entrücken die ursprünglichen klaren Töne der roten Lackfarbe in eine schwer bestimmbare Indifferenz. Das ist – in wenigen Worten – der dinglich-konkrete Sachverhalt dieser Installation, die eigens für dieses Umfeld geschaffen wurde.

Selbst eine solch knappe Beschreibung läßt deutlich werden, daß Rita Rohlfing auf ambivalente, auf äußerste Gegensätzlichkeit angelegte bildnerische Elemente zurückgegriffen hat: das überaus konkrete, auf Maß und Kalkül basierende Konstrukt und die schwer fassliche, emotional gesteigerte Farbigkeit. Dabei ist es müßig zu betonen, daß beides einander bedingt, sich steigert in der dialogischen Aufeinander-Bezogenheit und letztlich natürlich nicht einmal in der Analyse wirklich zu trennen ist.

Aber es kommen noch zwei andere Determinanten hinzu, die wesensbestimmend zum Werk gehören, ohne wirklich leibhaftig damit verbunden zu sein – der Raum und das Licht. Natürlich bildet Rohlfings Installation – wie beschrieben – selbst einen klar definierten Raum, aber auch dieser steht

ja nicht beziehungslos da, sondern ist in das sichtbare (und zusätzlich gewusste) Koordinationssystem anderer, umfassender und das Leben der Betrachter wie selbstverständlich prägender Raumsituationen einbezogen. Konkret sichtbar und ablesbar wird das an dem Ausstellungsraum. Nicht von ungefähr hat Rohlfing die Längsrechteckform des hohen hinteren Galerieraumes aufgegriffen und ihren Kubus so zugeordnet, daß sich die Horizontalen und Vertikalen beider Gefüge planparallel orchestrieren. Der Kunstraum ist wie ein luzider Innenkörper, wie ein tektonisches Echo eingestellt – natürlich mit deutlichem Schwerpunkt unten, was heißt: einen Teil der Bodenfläche haben sie gemein. Und dazwischen entstehen folgerichtig Positiv-Negativ-Verhältnisse; wertfreie, nicht dem Nützlichkeitsdenken verpflichtete, solche die man durch- und umschreitend ausforscht auf der Suche nach dem Schlüssel der Erkenntnis – den man bei solchem Tun ja schon in Händen hält.
Wie armselig nehmen sich angesichts solch pur-sinnlicher Bestandsaufnahme dagegen im Nutzbau Fenster, eine Tür, eine Treppe aus! Wie geschichten- und herkunftsbelastet die Natursteinplatten des Fußbodens! Wie rührend design-ästhetisch die notwendigen Nützlichkeiten wie Lampen und Tür- und Fenstergriffe! – Das Abstraktum „Raum“ wird greifbar präsent so recht erst in der zweckfreien Akzentuierung; und diese wird eben durch die Aufhebung von vertrauten Wahrnehmungsmodellen ermöglicht.

Damit ist aber nur ein Teil der Raumwirkung dieser Installation beschrieben. Zu wissen, daß hinter diesen durchscheinenden Plexiglaswänden ein Raumvolumen einer berechenbaren Kubikmeterzahl X vorhanden ist, wäre nicht viel. Aber da kommt das Licht ins Spiel. Transportmittel der Farbe und in seinen vielfältigen Brechungen Kristallisationsmedium des an sich Unsichtbaren. Nicht allein, daß es die Rotflächen weichzeichnet, verunklärt und in Vibrationen versetzt, es schwächt Linien und Kanten ab, nimmt Konkretes weg, kreiert Übergänge, Verläufe und Nuancen, mildert und verschleiert, läßt aber auch ahnen und erwarten. Die Farbe wird entstofflicht, bekommt zugleich aber ungreifbare Volumina. Distanzen schwinden, entziehen sich dem Kalkül, bleiben aber dennoch sinnlich präsent. Wäre es nicht paradox, man müsste vom virtuell-konkreten Raum sprechen, von imaginierter Dreidimensionalität, von vorgestellter, unendlicher Tiefe – und dabei ist die Installation doch mit einigen Schritten zu umrunden.

Rita Rohlfings Werk ist durchgängig bestimmt von diesem Dualismus aus rationalem Kalkül und emotionaler Komplexität, wobei den Formen in ihrer minimalistischen Knappheit der Part des Konkreten zufällt, der Farbe und ihrer teilweisen Auflösung der des assoziationsträchtigen Imaginierens. Im Zusammenspiel konkretisieren diese beiden Formprinzipien eine bis dato nicht gekannte, verhaltene Wahrnehmungsintensität, die in eigentümlich fremder Vertrautheit Raum belegt hat und eine stille, aber gleichwohl kraftvolle Präsenz vermittelt, getreu dem Diktum von Fritz Schwegler: „Es ist, was es ist, wenn man genau weiß, was es ist, aber nicht mehr sagen kann, was es ist.“

in: RITA ROHLFING – ROTLICHTBEZIRK, Ausst.-Kat. Bonn, LVR-LandesMuseum Bonn, Bonn 2002, S. 24–31

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